2005 - Alte Wallfahrtskirche in Werl

Der Grundstein der ersten Wallfahrtskirche wurde von den Kapuzinern gelegt. Sie ist 1669 unter dem Titel „Maria Heimsuchung“ eingeweiht worden. Gut hundert Jahre später musste sie wegen Baufälligkeit einem Neubau weichen, der in den Jahren 1786-1789 nach den Plänen des Hauptmann A. Boner entstand. Der Sakralbau steht erhöht zur Straßenebene. Es führen sechs Steinstufen zum Hauptportal, vor dem sich ein terrassenähnlicher Platz befindet. Die eingeschossige Barockfassade weist drei hohe Wandfelder auf, wobei das mittlere Wandfeld durch einen Risalit hervorsticht. Dort befindet sich auch das Hauptportal mit einer massiven alten Tür, die wahrscheinlich aus der Entstehungszeit stammt. Die Ausstattung ist im Stil des Spätbarocks. Die drei Altäre aus der Erbauungszeit, mit Säulen und Rokoko-Ornamenten reich geschmückt, sind bis heute erhalten: der Hochaltar mit Drehtabernakel, der Marienaltar und der Antoniusaltar. Über dem Hochaltar befindet sich ein Gemälde, das die Heimsuchung Mariens zeigt. Die Statuen sind der hl. Liborius (links) und der hl. Bonifatius (rechts). In der Bekrönung ist die lebendig gearbeitete Figurengruppe zu sehen, die noch aus dem späten 18. Jahrhundert stammt und die Dreifaltigkeit darstellt. Als der Pilgerstrom erkennbar zunahm, wurde 1858 zusätzlicher Raum mit dem Einbau einer Empore geschaffen. Aus Anlass des 200-jährigen Jubiläums der Werler Wallfahrt, wurden 1859/60 die Josefs- und Annenkapelle, sowie der Kapuzinerchor niedergerissen und die Kirche um zwei Joche nach Osten erweitert.

1860 erhielt die Kirche zwei neue Glocken von der Firma Humpert aus Brilon und kunstvoll gefertigte Fenster von Br. Quirinus Hammel. Im Januar 1861 erklang zum erstenmal die Orgel des Orgelbauers Barkhoff aus Wiedenbrück. Diese wurde 1896/97 durch eine der Werler Firma Stockmann ersetzt.

Im linken Seitenaltar, in dem sich heute eine neuere Marienfigur befindet, war bis 1906 das berühmte Gnadenbild, die thronende Madonna von Werl, aufgestellt. Heute wird die aus dem späten 12. Jahrhundert stammende Figur in der unmittelbar benachbarten großen Wallfahrtsbasilika aufbewahrt.

Ursprünglich befand sich das Gnadenbild in der Wiesenkirche in Soest, wo es aber nach Einzug der Reformation 1531 für 130 Jahre auf den Dachboden verbannt wurde. Als Sühne für einen Jagdfrevel Soester Bürger wurde die Madonna im Herbst 1661 an den Kölner Kurfürsten auf Schloss Werl übergeben, der es anschließend den Werler Kapuzinern anvertraute. Das Wirken der Kapuziner wurde durch die Auswirkungen der Säkularisation beendet. Die endgültige Aufhebung des Kapuzinerklosters erfolgte durch eine Kabinettsorder vom 4. Juli 1834. Erst im Oktober 1847 verließ der letzte Kapuzinermönch das Kloster. Die Stadt Werl musste sich nach neuen Möglichkeiten umsehen, um die Wallfahrt am Leben zu halten, zumal diese auch in wirtschaftlicher Hinsicht für die Stadt bedeutsam war. Es wurde der Wunsch an den Bischof von Paderborn gerichtet, Franziskaner nach Werl zu entsenden. Auch die Ortsgeistlichen und die Bevölkerung setzten sich für eine Wiederbesetzung des Klosters ein. Der 4. Oktober 1849 gilt als Gründungsdatum des Franziskanerklosters in Werl. Als die Franziskaner während des preußischen Kulturkampfes von 1875 bis 1887 ins Exil mussten, übernahm die katholische Kirchengemeinde vorübergehend die Aufgaben der Wallfahrt. Mit einer feierlichen Übernahme des Gottesdienstes am 1. November 1887 galt der Kulturkampf in Werl als beendet. Bis heute liegt die Wallfahrt zur „lieben Frau von Werl“ in den Händen der Franziskaner.

Um die Jahrhundertwende wurde deutlich, dass die Barockkirche den Pilgerstrom auf Dauer nicht fassen konnte. Die Franziskaner erwogen, die Kirche niederzureißen, um Platz für einen großzügigen Neubau zu gewinnen. Doch die Denkmalbehörde bzw. der Provinzialkonservator legte ein Veto ein. Nach einer eingehenden Ortsbesichtigung durch den Konservator der Kunstdenkmäler aus dem Berliner Kultusministerium wurde die Genehmigung verweigert. So entstand in den Jahren 1904 bis 1906 die neue Wallfahrtskirche unmittelbar neben der alten. Heute wird die alte Wallfahrtskirche gerne zu Brautmessen genutzt.

Wer sich beim Abschied vom Marktplatz noch einmal umwendet, sieht in der Fassade der alten Kirche eine übergroße Marienfigur von 1953, die der Werler Bildhauer Josef Wäscher dem Barock nachempfunden hat: eine jugendliche schöne Frau mit ihrem Sohn auf dem Arm, der die Weltkugel in der Hand hält.

Quellen:
Franziskanerkloster Werl (Hrsg.):, Franziskaner in Werl. 150 Jahre Dienst am Wallfahrtsort, Werl 1999
Amalie Rohrer/Hans-Jürgen Zacher (Hrsg.): Werl. Geschichte einer westfälischen Stadt, Band 1, Paderborn/Werl 1994