Was wird gefeiert?

1218 - 2018
800 Jahr Stadt Werl

Im Jahre 2018 wollen wir das 800-jährige Stadtjubiläum feiern. Einige Werlerinnen und Werler erinnern sich bestimmt noch an die Jubiläumsfeier 1972, bei der bereits ein 700-jähriges Jubiläum gefeiert wurde.

Da kommt die Frage auf, was ist nun richtig: 1218 oder 1272?

Die gute Antwort lautet: an beiden Terminen kann gefeiert werden.

Was wurde 1972 gefeiert?

Am 26. Februar 1272 wurde die Stadt Werl (sie war bereits Stadt) mit dem liberalerem Rüthener Stadtrecht bewidmet. Diese Rechtsverleihungsurkunde von Engelbert II. von Köln liegt im Original im Stadtarchiv Werl.(1) Diese Urkunde und eine Urkunde des Erbsälzerarchiv von 1246 schreiben in lateinischer Sprache von "Bürgern" und "Stadt". 1250 wird erstmals in einer ebenfalls lateinisch verfassten Urkunde ein Werler Stadtsiegel erwähnt.(2) Drei historische Fakten auf die Stadtwerdung Werls vor dem Jahr 1272! Die lateinische Sprache hat sich im Laufe der Jahrhunderte verändert, so dass man das mittelalterliche Latein mit dem heutigen Gymnasiallatein nicht gleich setzen kann. Diese Tatsache gilt es bei Übersetzungen unbedingt zu beachten, um damit ein korrektes und differenziertes Verständnis der mittelalterlichen Quellen zu haben.(3) 

Den Verantwortlichen des Stadtjubiläums von 1972 war bewusst, dass die 700. Wiederkehr der Verleihung des Rüthener Rechts an die Stadt Werl gefeiert wurde.

 "...Vorschnelles Urteilen könnte beim ersten Lesen des Urkundentextes leicht zu der Meinung kommen, der Erzbischof habe mit dieser Urkunde Werl zur Stadt erhoben und mithin sei der 26. Februar 1272 das Gründungsdatum unserer Stadt. Doch diese Meinung ist irrig! Stadterhebung und Stadtrechtsbewidmung fallen nicht immer und nicht notwendig zusammen... Es ist durchaus keine Seltenheit, wenn Städte ihr Recht wechseln, ein enges Recht gegen ein freiheitlicheres auszutauschen ..."

Bitte lesen Sie dazu weiter den sehr ausführlichen Beitrag von Rudolf Preising in der Soester Zeitschrift von 1972.(4)

Heute führen das damalige Logo und der Titel des Jubiläumsbuches zu Nachfragen. Auf dem Logo steht "1272-1972 700 Jahre Stadt Werl" und das Buch heißt: 700 Jahre Stadt Werl.(5) Im Buch selber steht zum besseren Verständnis in der Einführung und auf den Seiten 10 und 11, dass Werl um 1218 zur Stadt erhoben wurde und 1272 ein neues Stadtrecht bekam, der damalige Grund des Jubiläums. Der treffendere Titel des Buches wäre "700. Wiederkehr der Verleihung des Rüthener Rechts an die Stadt Werl" gewesen, so wie es Bürgermeisterin Dr. Rohrer und Stadtdirektor Dirkmann im Programm und in der Einführung zum Jubiläumsbuch geschrieben haben.(6)

Genau genommen war die Stadt Werl 1972 erst drei Jahre alt, denn ein weiterer Grund für das Jubiläum 1972 könnte die kommunale Neugliederung im Jahre 1969 gewesen sein. Die Eingemeindungen der damals selbstständigen Dörfer und heutigen Werler Ortsteile (außer Hilbeck, erst 1975 zu Werl), sollten durch die gemeinsamen identitätstiftenden Feierlichkeiten gestärkt werden.

Feierlichkeiten richten sich nach der Betrachtungsweise. 2019 und 2025 könnte "50 Jahre kommunale Neugliederung" gefeiert werden. Im Jahr 2024 wäre auch eine Feier "1000 Jahre Werl" möglich, da 1024 die urkundliche Ersterwähnung des Ortsnamens Werl stattfand.

Was soll 2018 gefeiert werden?

Johann Suibert Seibertz (1788-1871), der Nestor der westfälischen Geschichtsschreibung, hatte 1839 als erster erkannt, dass die Stadtgründung Werls in die Zeit des Kölner Erzbischofs Engelbert I. (1216-1225) fallen muss.(7)

Carl Haase schrieb 1960 in seinem Buch:(8) Die Entstehung der westfälischen Städte, dass 1203 die Salinen genannt werden und im Jahr 1217 ein Richter in Werl.

"Auch hier gibt es über die Entstehungszeit der Stadt keine Streitfragen. Sie dürfte durch Erzbischof Engelbert von Köln geschaffen worden sein."

Rudolf Preising schrieb 1963 ebenfalls, dass die Stadtwerdung in Engelberts Regierungsprogramm passt. Zur Festigung seiner Macht gründete er mehrere Städte.(9) 

1967 wurde aus dem Nachlass des Münsteraner Professors für Landesgeschichte Dr. Albert K. Hömberg ein Buch veröffentlicht, in dem die Städtegründung Engelberts I. näher beschrieben werden. Hömberg nennt Engelbert I. als Stadtgründer und vermutet die Stadtrechtsverleihung im Jahre 1218, da der Erzbischof nur in dem Jahr in der näheren Umgebung Werls war.

"...Im Raum von Unna ausgestellte Urkunden deuten 1218 auf eine Tätigkeit im Gebiet des mittleren Hellwegs; so dürfte die Befestigung der Stadt Werl in dieses Jahr fallen. Denn daß Werl von Erzbischof Engelbert I zur Stadt erhoben und befestigt worden ist, kann kaum Zweifel unterliegen, obwohl auch hier alle Urkunden über diesen wichtigen Vorgang verloren gegangen sind. Ausdrücklich genannt wird Engelbert I. als der erste Begründer der Werler Freiheiten bei der Bestätigung der Privilegien der Sälzerschaft im Jahre 1246, aber auch die Urkunde über die Erneuerung der Stadtrechte von 1272 weist auf seine Zeit hin, wenn sie die erste Privilegierung den 'patribus predecessoribus' des damals regierenden Erzbischofs zuschreibt...".(10)

Unstrittig ist, dass Werl in der Regierungszeit Engelberts I. zur Stadt erhoben wurde, also zwischen 1216 und 1225.

Da die Stadtgründung Werls nicht von 2016 bis 2025 gefeiert werden kann, wurde das Jahr um 1218 als Grundlage genommen, da das Jahr seit den 1960er Jahren mit Recht vermutet wird. Die letzten gedruckten "Brockhaus-Enzyklopädien", die von vielen wissenschaftlichen Redakteuren betreut wurden, haben "um 1218" als Stadtgründung im Werl-Artikel aufgenommen.

Was sagt die "höchste Instanz" der westfälischen Landesforschung, die Historische Kommission(11) für Westfalen dazu?

Der Vorsitzende der Historischen Kommission für Westfalen ist Prof. Dr. Wilfried Reininghaus, langjähriger Präsident des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen.

Professor Reininghaus teilt mit: "Es steht der HIKO nicht zu, der Stadt Werl vorzuschreiben, wann sie ihr Stadtjubiläum feiern soll. Aus Sicht der Landesgeschichte müssen wir ohnehin mit der Tatsache leben, dass allzu oft entsprechende Urkunden fehlen (z.B. in meiner Heimatstadt Schwerte). Stadtwerdung wird aber in der aktuellen Forschung ohnehin eher als ein Prozeß verstanden denn als Gründungsakt. Die älteren Salzwerke und der Richter 1217 deuten diesen Prozeß an.(8) Sie sollten deshalb keine Bedenken haben, 2018 zu feiern, allerdings mit dem Hinweis, dass Werl um 1218 im Rahmen der Territorialpolitik von Ebf. Engelbert vermutlich Stadtrechte verliehen bekommen hat."

Anmerkungen

Zu einigen aufgeführten Quellen stehen weiter unten Downloads (PDF) zur Verfügung.

1) Preising, Rudolf: Die Werler Urkunde der Stadtrechtsverleihung, in: Heimatkalender des Kreises Soest 1972, S. 38-40. Darin auch die Erklärung warum das Ausstellungsjahr 1271 ins Jahr 1272 umgerechnet werden muss.

2) Westfälisches Urkundenbuch, 7. Band: Die Urkunden des kölnischen Westfalens vom J. 1200-1300, Münster 1908, Nr. 725.

3) Demandt, Karl E.: Laterculus Notarum. Lateinisch-deutsche Interpretationshilfe für spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Archivalien, Veröffentlichungen der Archivschule Marburg - Institut für Archivwissenschaft -, Nr. 7, 2. Aufl., Marburg 1974 und weitere mittellateinische Wörterbücher.

- Lampe, Karl H.: Latein I Für den Sippenforscher, Band 2 der Reihe Grundriß der Genealogie, Limburg 1965.

- M. Bernsen u.a. (Hrsg.): Gründungsmythen Europas im Mittelalter, Göttingen 2013, S. 30.

4) Preising, Rudolf: Die Rechtsbewidmung der Stadt Werl vom 26. Februar 1272, in: Soester Zeitschrift, Heft 84, Soest 1972, S. 63-73.

5) Preising, Rudolf: 700 Jahre Stadt Werl. Werden, Wachsen und Schicksale einer westfälischen Stadt am Hellweg, Werl [1972].

6) 700 Jahr Stadt Werl. Stadtjubiläum. Programm für die Jubiläumswoche vom 3.-11. Juni 1972.

7) Seibertz, Johann Suibert: Die Statutar- und Gewohnheitsrechte des Herzogthums Westfalen, aus den Quellen geschichtlich und practisch dargestellt, Arnsberg 1839.

8) Haase, Carl: Die Entstehung der westfälischen Städte, Veröffentlichung des Provinzialinstituts für westfälische Landes- und Volkskunde, Reihe 1, Heft 11, Münster 1960, S. 46f. 1203 werden die Salinen genannt und 1217 ein Richter in Werl.

9) Ausführlicher in: Preising, Rudolf: Stadt und Rat zu Werl. Geschichtliche Untersuchungen über ihre Entstehung und Verfassung, Münster 1963, Kapitel "Die Stadtgründung" ab S. 17.

10) Hömberg, Albert K.: Zwischen Rhein und Weser. Aufsätze und Vorträge zur Geschichte Westfalens, Münster 1967, S. 142f.

 11) Die Historische Kommission für Westfalen ist heute eine von sechs landeskundlichen Kommissionen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL). In den mehr als 100 Jahren seit ihrer Gründung hat sie an die 500 Publikationen vorgelegt. Sie steht und stand personell und institutionell immer mit anderen Einrichtungen im Austausch, um die "wissenschaftliche Erforschung der westfälischen Landesgeschichte in allen ihren Bereichen anzunehmen und sie insbesondere durch Veröffentlichung von Quellen und Darstellungen zu fördern" (§ 1 der Satzung).